Anlässe 20. und 27.1.2026
DR. PHIL. JAKOB KNAUS
FRANZÖSISCHE ORCHESTERMUSIK
Das Referat bot eine facettenreiche Analyse der französischen Orchesterkultur über drei Jahrhunderte. Ein besonderes Qualitätsmerkmal war dabei, dass sämtliche besprochenen Werke à fond mit präzisen Musikbeispielen unterlegt wurden, wodurch die theoretischen Ausführungen für das Auditorium unmittelbar klanglich lebendig und nachvollziehbar wurden. Den historischen Auftakt bildete das Schaffen von Jean-Philippe Rameau (1683–1764), dessen Air des Incas aus dem Ballett Les Indes galantes die barocke Prachtentfaltung repräsentiert. Im direkten Vergleich mit der Don Quichotte-Ouvertüre von Georg Philipp Telemann (1681–1767) wurde eine zentrale musikgeschichtliche Erkenntnis deutlich: In dieser Epoche ist die Nationalität der Musik noch nicht eindeutig zu unterscheiden. Es herrschte ein grenzübergreifender europäischer Stil, der die spezifische Herkunft der Komponisten hinter einer gemeinsamen barocken Tonsprache verschleiert. Der Weg zur klassischen Form wurde durch François-Joseph Gossec (1734–1829) geebnet. Während seine Sinfonie op. 4/1 noch die frühe, strenge Bindung an die Sonatenform dokumentiert, markiert seine Sinfonie in B-Dur aus dem Jahr 1785 den endgültigen Anschluss an die sinfonische Meisterschaft seines Zeitgenossen Joseph Haydn (1732–1809). Über die dramatischen Impulse von André-Ernest-Modeste Grétry (1741–1813), beispielhaft an seinem Guillaume Tell dargelegt, erreichte das Referat die musikalische Romantik in Gestalt von Hector Berlioz (1803–1869). Die Analyse der Symphonie fantastique (1830) bildete einen Höhepunkt: Dr. Knaus verdeutlichte Berlioz’ visionäres Genie insbesondere auch durch die parodistische Deformation des Dies irae. Die klanggewaltige Demonstration, wie die heilige Totensequenz im „Hexensabbat“ ins Groteske verzerrt wird, veranschaulichte den Bruch mit traditionellen ästhetischen Normen.
Anlass 3.3.2026
PROF. DR. TOBIAS HÄBERLEIN
FREMDGESTEUERT? WIE KI UNSERE FÄHIGKEIT ZUM DENKEN UND UNSERE URTEILSKRAFT HERAUSFORDERT

Professor Häberlein zeigte zu Beginn seines Referats die Entwicklung der Software von grundlegender logischer Einfachheit zur heutigen hochentwickelten Programmierung bis zur künstlichen Intelligenz, die sich selbst programmiert, weiterentwickelt und sich verselbständigt. Die gegenwärtige Debatte über Künstliche Intelligenz erschöpft sich oft in Fragen technischer Effizienz. Bei näherer Betrachtung jedoch offenbart sie eine tiefere Krise des Humanen. Um eine tragfähige Kritik der KI zu entwickeln, müssen wir begreifen, dass sie längst nicht mehr bloss Werkzeug ist. Sie wird zunehmend zu einem wichtigen Element unserer Welt, zu einem System, das die Rolle eines Dialogpartners einnimmt. Diesen Dialog müssen wir führen. Doch wir sollten ihn mit den Stimmen jener Denker führen, die Freiheit, Macht und Kritik in ihren Grundstrukturen untersucht haben. Den Ausgangspunkt bildet die Analyse von Hannah Arendt (1906 - 1975). Für Arendt ist das Wesen des Menschen untrennbar mit dem Handeln verbunden, mit der Fähigkeit zur Natalität, also dem Vermögen, durch spontane Initiative einen neuen Anfang in die Welt zu setzen. KI-Systeme hingegen operieren innerhalb statistischer Vorhersagbarkeit. Sie ersetzen politisches Handeln zunehmend durch algorithmisch vorbereitete Entscheidungsketten und durch Verwaltung. In einer Welt, in der Algorithmen Entscheidungen strukturieren, droht eine neue Form der Gedankenlosigkeit, wie Arendt sie bereits in den Ursprüngen totalitärer Herrschaft erkannte: die Isolation des Einzelnen. Wo Arendt ein „Denken ohne Geländer“ forderte, bietet die KI ein neues Geländer an, eine künstliche Stütze, die das Risiko des eigenen Urteils mindert und damit den öffentlichen Raum als Ort lebendiger Urteilskraft auszuhöhlen droht.
Anlass 24.3.2026
LIC. PHIL. MICHAEL ZURWERRA
DIE STELLUNG DES MENSCHEN IM KOSMOS ZWISCHEN URKNALL UND APOKALYPSE

Der Vortrag zeigte ein beeindruckendes Spannungsfeld, in dem die Existenz des Menschen zwischen kosmischem Ursprung und möglichem Ende aufgezeigt wird. Ausgangspunkt ist der Urknall vor rund 13,8 Milliarden Jahren, in dessen unmittelbarer Folge bereits die grundlegenden Strukturen der Materie entstanden. Nach etwa 300 000 Jahren bildeten sich die ersten Sterne und Galaxien, ein Prozess, der bis heute anhält. Unsere eigene Galaxie entstand vor etwa 12,8 Milliarden Jahren, das Sonnensystem vor 4,6 Milliarden Jahren. Demgegenüber erscheint die Geschichte des Lebens und insbesondere des Menschen als ein kaum wahrnehmbarer Augenblick: Erste Lebensformen entwickelten sich vor Millionen Jahren, der Homo sapiens existiert jedoch erst seit rund 300 000 Jahren, die ersten Höhlenmalereien vor etwa 40 000 Jahren und die Schrift, als Grundlage von Kultur und Zivilisation, existiert seit lediglich 4000 Jahren. Diese Relationen führen zur Einsicht in die Beschränktheit menschlicher Existenz, denn auch die Zukunft ist begrenzt: In etwa 500 Millionen Jahren könnten die Bedingungen auf der Erde das Leben unmöglich machen, und selbst das Universum könnte in ferner Zukunft vergehen oder in einen neuen Zyklus übergehen. In dieser Perspektive stellt sich unausweichlich die Frage nach dem Sinn und der Stellung des Menschen. Ist alles Zufall, oder gibt es eine ordnende Instanz, einen „unbewegten Beweger“? Der Hinweis „Im Anfang war das Wort“ eröffnet dabei eine Deutung, in der Wirklichkeit nicht nur physikalisch, sondern auch geistig und sprachlich begründet ist. Der Mensch erscheint in diesem Zusammenhang nicht nur als Teil der Welt, sondern auch als ihr Deuter und in gewissem Sinne als ihr Mitgestalter, denn Wirklichkeit ist nicht einfach gegeben, sondern entsteht im Zusammenspiel von Realität, Sprache und Begriff: Es gibt eine objektive Wirklichkeit, die unabhängig vom Menschen besteht, ebenso aber eine subjektive Wirklichkeit, die durch Wahrnehmung und Erfahrung geprägt ist, und zunehmend tritt eine virtuelle Wirklichkeit hinzu, Möglichkeiten, die so hätten geschehen können oder durch Simulationen erzeugt werden, sodass die Grenzen verschwimmen und Wahrheit interpretierbar, mitunter sogar ununterscheidbar von Fiktion wird. Diese Entwicklung wird durch den rasanten Fortschritt der Künstlichen Intelligenz verstärkt, die sich seit der ersten Verwendung des Begriffs im Jahr 1956 über die Digitalisierung des Alltags bis hin zu modernen Systemen wie ChatGPT entfaltet hat und heute unser Denken, Kommunizieren und Entscheiden beeinflusst, indem sie Antworten generiert, die unsere eigenen Ansichten spiegeln und verstärken können, mit der Gefahr, dass der Mensch seine eigenständige Urteilsfähigkeit einbüsst, zugleich aber mit dem großen Potenzial, Prozesse zu optimieren, Wissen zugänglich zu machen und kreative Leistungen zu unterstützen, sodass in den kommenden Jahrzehnten Roboter und intelligente Systeme in nahezu allen Lebensbereichen präsent sein könnten und sich die entscheidende Frage stellt, ob der Mensch die Kontrolle behält oder in Abhängigkeit gerät.
Anlass 31.3.2026
DR. PHIL., MAG. ART. LIB. GERD DÖNNI
CÄSAR 2.0: DER UNTERGANG DER RÖMISCHEN REPUBLIK ALS SPIEGEL AKTUELLER KRISEN

In seinem Referat „Cäsar 2.0“ entfaltet Gerd Dönni eine tiefgreifende historische Analyse, die weit über eine blosse Geschichtsstunde hinausgeht und die strukturellen Parallelen zwischen dem Untergang der Römischen Republik und den aktuellen Krisen der westlichen Demokratien beleuchtet. Er erinnert daran, dass die Gründerväter der Vereinigten Staaten ihre Verfassung auf den Erkenntnissen der antiken Erfahrung errichteten, um die Tyrannei eines Königs für immer auszuschliessen, wobei sie sich am römischen Modell der „Checks and Balances“ orientierten, das Macht durch strikte Befristung, Kollegialität und das Vetorecht der Volkstribune begrenzte. Doch Dönni zeigt auf, dass dieses fein austarierte System Roms, das nach der Vertreibung der Könige im Jahr 509 v. Chr. entstand, an seinem eigenen Erfolg zerbrach: Das „Paradoxon des Sieges“ nach den Punischen Kriegen führte dazu, dass Rom zwar die Welt beherrschte, innerlich aber durch eine massive Wirtschaftskrise, soziale Spannungen und einen moralischen Verfall zerrissen wurde. Während die Oberschicht durch Sklavenarbeit auf ihren Latifundien unermesslich reich wurde, verloren die freien Kleinbauern, die das Rückgrat der Milizarmee bildeten, ihre Existenzgrundlage, was schliesslich in die Notwendigkeit einer Berufsarmee unter Gaius Marius (157-86 v. Chr.) mündete. Diese weitreichende Reform verwandelte die Soldaten von Staatsbürgern in Gefolgsleute ihrer Generäle, die nun für Sold und Landversorgung bürgen mussten, womit die militärische Macht zur Privatsache ehrgeiziger Personen wurde. Der Autor beschreibt eindringlich den moralischen Sumpf dieser Zeit, in der laut dem Geschichtsschreiber Sallust Werte wie Treue und Rechtschaffenheit der Gier und dem Übermut wichen und politische Ämter zunehmend käuflich wurden, was heute in der Entfremdung zwischen globalen Multimillionären und dem einfachen Volk eine moderne Entsprechung findet. Im politischen Überlebenskampf zwischen Optimaten und Popularen wurden die Spielregeln der Verfassung zunehmend ignoriert, wobei die Gracchus-Brüder mit ihren Reformversuchen und dem darauffolgenden Widerstand der Aristokratie eine Spirale der Gewalt in Gang setzten, die über den blutigen Soldatenputsch Sullas (Lucius Cornelius Sulla Felix 138-78 v. Chr.) bis hin zum ersten Triumvirat (Caesar, Pompeius, Crassus) führte. Caesar nutzte diesen geschwächten Zustand des Staates, indem er sich durch geschickte Massnahmen wie die Verleihung des Bürgerrechts an die Gallier eine loyale Machtbasis schuf und schliesslich mit dem Überschreiten des Rubikon den Bürgerkrieg provozierte, der das Ende der Republik besiegelte. Pompeius, der die entscheidende Schlacht verloren hatte, floh nach Ägypten, wo er von den Beratern des jungen Pharaos ermordet wurde. In Ägypten traf Caesar auf Cleopatra, die sich seinen Schutz sicherte und ihn als Geliebte nach Rom begleitete. Diese Verbindung zur „orientalischen Königin“ und seine Ernennung zum Diktator auf Lebenszeit schürten im Senat den Verdacht, Caesar wolle das Königtum wieder einführen, was schliesslich zu seiner Ermordung an den Iden des März 44 v. Chr. führte. Marcus Licinius Crassus, der dritte Mann im Bunde und unermesslich reich, suchte militärischen Ruhm im Osten. Sein Feldzug gegen die Parther endete 53 v. Chr. in der Katastrophe von Carrhae, bei der Crassus den Tod fand. Die Legende besagt, dass die Parther seinen Leichnam schändeten, um seine sprichwörtliche Habgier zu bestrafen: Sie gossen ihm geschmolzenes Gold in den Mund. Auch wenn Augustus das System später stabilisierte und formal die „Res Publica“ auf Münzen weiterführte, war der Weg in den autoritären Prinzipat unumkehrbar geworden, da die Institutionen nicht mehr in der Lage waren, die drängenden sozialen Probleme zu lösen.

































