Anlass 28.04.02026
BERNADETTE WINTSCH-HEINEN, SCHAUSPIELERIN und MANI WINTSCH, REGISSEUR
THEATER MACHEN IM LÄNDLICHEN RAUM: ZWISCHEN TRADITION UND GESELLSCHAFTLICHER RELEVANZ

Die aktuelle Theaterlandschaft im Oberwallis ist geprägt von einer deutlichen Diskrepanz zwischen professionellen Produktionen und dem Amateurtheater. Während professionelles Schauspiel mit nur etwa 12 Vorstellungen pro Saison eine Rarität darstellt und für ein kontinuierliches Angebot oft Reisen in urbane Zentren wie Bern nötig sind, trägt das Amateurtheater mit weit über 100 Vorstellungen die Hauptlast der kulturellen Nahversorgung. Das professionelle Theater fungiert dabei als notwendiger Impulsgeber, der Sehgewohnheiten herausfordert und durch abstrakte Inszenierungen ästhetische Horizonte erweitert. Demgegenüber schafft das Amateurtheater wertvolle soziale Begegnungsorte und besticht durch eine authentische, oft dialektgeprägte Spielweise, die das Publikum emotional tief in der regionalen Identität verwurzelt. Um die prekären Produktionsbedingungen für Profis im ländlichen Raum zu verbessern, wurde das „Bühnennetzwerk Schweiz“ initiiert, das durch Kooperationen zwischen Häusern wie dem ZeugHaus Kultur Brig und dem Theater Aarau nachhaltigere Gastspielmöglichkeiten schaffen soll. Gleichzeitig steht das Amateurtheater vor der Herausforderung, sich zwischen touristisch motivierten Gross-Events und der klassischen Vereinsarbeit zu behaupten. Besonders kleinere Gruppen wie die „Bühne Mörel“ kämpfen dabei um finanzielle Mittel, da Sponsoren zunehmend massentaugliche Events bevorzugen. In ihrer praktischen Arbeit bei der Bühne Mörel verfolgen Bernadette Wintsch-Heinen und Mani Wintsch einen tiefgreifenden künstlerischen Ansatz. Der Prozess beginnt bei der partizipativen Themensuche mittels „Open Space“, um gesellschaftlich relevante Fragen zu identifizieren. Ein zentrales Anliegen ist dabei das Verständnis von „Proben“ als echtes Ausprobieren statt mechanischem Üben. Die Spieler sollen sich den Text aneignen, indem sie ihn mit inneren Bildern und persönlichen Emotionen unterfüttern, anstatt ihn nur auswendig zu lernen. Die körperliche Arbeit und die szenische Umsetzung basieren auf einem fundierten System von W-Fragen und den sogenannten „5 Ps“ (Person, Psychologie, Profession, Politik, Philosophie), die dabei helfen, eine Figur nicht nur darzustellen, sondern zu verkörpern. Methoden wie die „Riverstory“ ermöglichen den Amateuren zudem einen biografischen Zugang zu ihren Rollen. Den Abschluss und die Reflexion dieser Arbeit bildet der Dokumentarfilm «Lichtblicke», der während der Pandemie entstand.
Da Proben unter Distanzregeln kaum Inspiration boten, nutzten die Initiatoren die Zeit, um nach der Systemrelevanz des Theaters im Oberwallis zu fragen. In Interviews mit Beteiligten, Politikern und Kritikern wird deutlich, dass Theaterarbeit eine nachhaltige Lebensschule ist, die weit über die Bühne hinauswirkt. In einer Zeit, in der Empathie, etwa durch Persönlichkeiten wie Elon Musk, öffentlich als Schwäche deklassiert wird, setzt das Theater ein entscheidendes Gegengewicht. Es fördert den Perspektivenwechsel und das Mitgefühl. Frei nach Hannah Arendt wird das Theater so zum Bollwerk gegen eine drohende kulturelle Barbarei, indem es den Menschen ermöglicht, die Innenwelten anderer nicht nur zu verstehen, sondern für einen Moment mitzufühlen, ohne sich selbst dabei aufzugeben. Theater im ländlichen Raum erweist sich somit als unverzichtbares Mittel zur Förderung von Menschlichkeit und gesellschaftlicher Reflexion.

































