Anlass 24.3.2026
LIC. PHIL. MICHAEL ZURWERRA
DIE STELLUNG DES MENSCHEN IM KOSMOS ZWISCHEN URKNALL UND APOKALYPSE

Der Vortrag zeigte ein beeindruckendes Spannungsfeld, in dem die Existenz des Menschen zwischen kosmischem Ursprung und möglichem Ende aufgezeigt wird. Ausgangspunkt ist der Urknall vor rund 13,8 Milliarden Jahren, in dessen unmittelbarer Folge bereits die grundlegenden Strukturen der Materie entstanden. Nach etwa 300 000 Jahren bildeten sich die ersten Sterne und Galaxien, ein Prozess, der bis heute anhält. Unsere eigene Galaxie entstand vor etwa 12,8 Milliarden Jahren, das Sonnensystem vor 4,6 Milliarden Jahren. Demgegenüber erscheint die Geschichte des Lebens und insbesondere des Menschen als ein kaum wahrnehmbarer Augenblick: Erste Lebensformen entwickelten sich vor Millionen Jahren, der Homo sapiens existiert jedoch erst seit rund 300 000 Jahren, die ersten Höhlenmalereien vor etwa 40 000 Jahren und die Schrift, als Grundlage von Kultur und Zivilisation, existiert seit lediglich 4000 Jahren. Diese Relationen führen zur Einsicht in die Beschränktheit menschlicher Existenz, denn auch die Zukunft ist begrenzt: In etwa 500 Millionen Jahren könnten die Bedingungen auf der Erde das Leben unmöglich machen, und selbst das Universum könnte in ferner Zukunft vergehen oder in einen neuen Zyklus übergehen. In dieser Perspektive stellt sich unausweichlich die Frage nach dem Sinn und der Stellung des Menschen. Ist alles Zufall, oder gibt es eine ordnende Instanz, einen „unbewegten Beweger“? Der Hinweis „Im Anfang war das Wort“ eröffnet dabei eine Deutung, in der Wirklichkeit nicht nur physikalisch, sondern auch geistig und sprachlich begründet ist. Der Mensch erscheint in diesem Zusammenhang nicht nur als Teil der Welt, sondern auch als ihr Deuter und in gewissem Sinne als ihr Mitgestalter, denn Wirklichkeit ist nicht einfach gegeben, sondern entsteht im Zusammenspiel von Realität, Sprache und Begriff: Es gibt eine objektive Wirklichkeit, die unabhängig vom Menschen besteht, ebenso aber eine subjektive Wirklichkeit, die durch Wahrnehmung und Erfahrung geprägt ist, und zunehmend tritt eine virtuelle Wirklichkeit hinzu, Möglichkeiten, die so hätten geschehen können oder durch Simulationen erzeugt werden, sodass die Grenzen verschwimmen und Wahrheit interpretierbar, mitunter sogar ununterscheidbar von Fiktion wird. Diese Entwicklung wird durch den rasanten Fortschritt der Künstlichen Intelligenz verstärkt, die sich seit der ersten Verwendung des Begriffs im Jahr 1956 über die Digitalisierung des Alltags bis hin zu modernen Systemen wie ChatGPT entfaltet hat und heute unser Denken, Kommunizieren und Entscheiden beeinflusst, indem sie Antworten generiert, die unsere eigenen Ansichten spiegeln und verstärken können, mit der Gefahr, dass der Mensch seine eigenständige Urteilsfähigkeit einbüsst, zugleich aber mit dem großen Potenzial, Prozesse zu optimieren, Wissen zugänglich zu machen und kreative Leistungen zu unterstützen, sodass in den kommenden Jahrzehnten Roboter und intelligente Systeme in nahezu allen Lebensbereichen präsent sein könnten und sich die entscheidende Frage stellt, ob der Mensch die Kontrolle behält oder in Abhängigkeit gerät.
Eng damit verbunden ist die Rolle von Narrativen, denn Geschichten strukturieren unser Verständnis der Welt, erklären Zusammenhänge und vermitteln Werte wie Gerechtigkeit, können jedoch ebenso verzerren und manipulieren, sei es in historischen Konflikten oder durch moderne Medien und Fake News, wodurch Wahrheit zu einer umkämpften Grösse wird, die kritisches Denken und Verantwortungsbewusstsein erfordert. Wissenschaftliche Erkenntnisse wie die Epigenetik weisen darauf hin, dass Erfahrungen und Prägungen über Generationen hinweg weitergegeben werden können und damit die Bedeutung von Geschichte und Erzählung zusätzlich vertiefen (cf. Referat 16.9.2025 Prof. Johannes Gräff: Epigenetik). Vor diesem Hintergrund forderte das Referat eine grundlegende ethische Reflexion, in der Gerechtigkeit nicht nur als abstrakte Idee erscheint, sondern als gelebte Praxis von Anerkennung, Austausch und Verantwortung, auch gegenüber der Welt als Ganzem, und in der der Mensch in einer von Technologie geprägten Gesellschaft seine Handlungshoheit nicht verlieren darf, sondern fähig bleiben muss, sich bewusst gegen Strömungen zu entscheiden und den eigenen Lebensweg zu reflektieren. Eine zentrale Rolle kommt dabei der Bildung zu, die neu gedacht werden muss. Nicht Selektion und reine Leistungsorientierung dürfen im Vordergrund stehen, sondern die Förderung des Einzelnen und das Wohl des Kindes, sodass Schule nicht nur Wissen vermittelt, sondern Orientierung gibt, Persönlichkeitsentwicklung ermöglicht und zu verantwortlichem Handeln befähigt. Beispiele zeigen, dass gerade individuelle Unterstützung entscheidend sein kann, um verborgene Potenziale zur Entfaltung zu bringen, wie das eindrückliche Beispiel des Nobelpreisträgers für Chemie des Jahres 2017, Jacques Dubochet zeigt, der in seiner Jugend als Legastheniker und Problemschüler galt und dem der schulische Erfolg zunächst verwehrt blieb, bevor ihm später ein bahnbrechender Beitrag zur Entwicklung der Kryo-Elektronenmikroskopie gelang, der unser Verständnis der molekularen Strukturen des Lebens revolutioniert. Am Ende führte der Vortrag zurück zur existenziellen Grundfrage, was es bedeutet, als Mensch in diesem gewaltigen kosmischen Rahmen zu leben und worin Glück und Sinn bestehen. Die Antwort bleibt offen, verweist jedoch auf eine Haltung, in der der Mensch nicht nur als Produkt des Universums erscheint, sondern als ein Wesen, das nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Bedeutung strebt, wobei Glaube, Hoffnung und Liebe als tragende Kräfte Orientierung geben, als feste Bezugspunkte in einer Welt zwischen Ursprung und Ende. Herzlichen Dank dem Referenten für dieses tiefsinnige und wichtige Referat.
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