Anlass 31.3.2026
DR. PHIL., MAG. ART. LIB. GERD DÖNNI
CÄSAR 2.0: DER UNTERGANG DER RÖMISCHEN REPUBLIK ALS SPIEGEL AKTUELLER KRISEN

In seinem Referat „Cäsar 2.0“ entfaltet Gerd Dönni eine tiefgreifende historische Analyse, die weit über eine blosse Geschichtsstunde hinausgeht und die strukturellen Parallelen zwischen dem Untergang der Römischen Republik und den aktuellen Krisen der westlichen Demokratien beleuchtet. Er erinnert daran, dass die Gründerväter der Vereinigten Staaten ihre Verfassung auf den Erkenntnissen der antiken Erfahrung errichteten, um die Tyrannei eines Königs für immer auszuschliessen, wobei sie sich am römischen Modell der „Checks and Balances“ orientierten, das Macht durch strikte Befristung, Kollegialität und das Vetorecht der Volkstribune begrenzte. Doch Dönni zeigt auf, dass dieses fein austarierte System Roms, das nach der Vertreibung der Könige im Jahr 509 v. Chr. entstand, an seinem eigenen Erfolg zerbrach: Das „Paradoxon des Sieges“ nach den Punischen Kriegen führte dazu, dass Rom zwar die Welt beherrschte, innerlich aber durch eine massive Wirtschaftskrise, soziale Spannungen und einen moralischen Verfall zerrissen wurde. Während die Oberschicht durch Sklavenarbeit auf ihren Latifundien unermesslich reich wurde, verloren die freien Kleinbauern, die das Rückgrat der Milizarmee bildeten, ihre Existenzgrundlage, was schliesslich in die Notwendigkeit einer Berufsarmee unter Gaius Marius (157-86 v. Chr.) mündete. Diese weitreichende Reform verwandelte die Soldaten von Staatsbürgern in Gefolgsleute ihrer Generäle, die nun für Sold und Landversorgung bürgen mussten, womit die militärische Macht zur Privatsache ehrgeiziger Personen wurde. Der Autor beschreibt eindringlich den moralischen Sumpf dieser Zeit, in der laut dem Geschichtsschreiber Sallust Werte wie Treue und Rechtschaffenheit der Gier und dem Übermut wichen und politische Ämter zunehmend käuflich wurden, was heute in der Entfremdung zwischen globalen Multimillionären und dem einfachen Volk eine moderne Entsprechung findet. Im politischen Überlebenskampf zwischen Optimaten und Popularen wurden die Spielregeln der Verfassung zunehmend ignoriert, wobei die Gracchus-Brüder mit ihren Reformversuchen und dem darauffolgenden Widerstand der Aristokratie eine Spirale der Gewalt in Gang setzten, die über den blutigen Soldatenputsch Sullas (Lucius Cornelius Sulla Felix 138-78 v. Chr.) bis hin zum ersten Triumvirat (Caesar, Pompeius, Crassus) führte. Caesar nutzte diesen geschwächten Zustand des Staates, indem er sich durch geschickte Massnahmen wie die Verleihung des Bürgerrechts an die Gallier eine loyale Machtbasis schuf und schliesslich mit dem Überschreiten des Rubikon den Bürgerkrieg provozierte, der das Ende der Republik besiegelte. Pompeius, der die entscheidende Schlacht verloren hatte, floh nach Ägypten, wo er von den Beratern des jungen Pharaos ermordet wurde. In Ägypten traf Caesar auf Cleopatra, die sich seinen Schutz sicherte und ihn als Geliebte nach Rom begleitete. Diese Verbindung zur „orientalischen Königin“ und seine Ernennung zum Diktator auf Lebenszeit schürten im Senat den Verdacht, Caesar wolle das Königtum wieder einführen, was schliesslich zu seiner Ermordung an den Iden des März 44 v. Chr. führte. Marcus Licinius Crassus, der dritte Mann im Bunde und unermesslich reich, suchte militärischen Ruhm im Osten. Sein Feldzug gegen die Parther endete 53 v. Chr. in der Katastrophe von Carrhae, bei der Crassus den Tod fand. Die Legende besagt, dass die Parther seinen Leichnam schändeten, um seine sprichwörtliche Habgier zu bestrafen: Sie gossen ihm geschmolzenes Gold in den Mund. Auch wenn Augustus das System später stabilisierte und formal die „Res Publica“ auf Münzen weiterführte, war der Weg in den autoritären Prinzipat unumkehrbar geworden, da die Institutionen nicht mehr in der Lage waren, die drängenden sozialen Probleme zu lösen.
Dönni überträgt diese Erkenntnisse mit grosser Schärfe auf die heutige Zeit und diagnostiziert eine ähnliche Krise der Legislative und Judikative, die sich in einer lähmenden Verrechtlichung und der Flucht der Politik in exekutive Notverordnungen äussert, während die Handlungsfähigkeit der Staaten durch explodierende Schuldenberge und demografische Lasten fast vollständig erstickt wird. Er warnt davor, dass der „Cäsarismus“ kein Betriebsunfall der Geschichte ist, sondern die logische Konsequenz eines Systems, das vor den notwendigen Reformen kapituliert und stattdessen in eine bürokratische Verwaltung flüchtet. In diesem düsteren globalen Panorama, das von Chinas demografischem Dilemma bis zum finanziellen Kollaps europäischer Grossmächte reicht, erscheint die Schweiz mit ihrer direkten Demokratie, dem Milizprinzip und der Konkordanz als ein fast schon anachronistischer, aber resistenter Fels in der Brandung, der durch die konsequente Einbindung des Volkes jene Abwehr errichtet, die das Abgleiten in autoritäre Strukturen verhindert. Letztlich mahnt Dönni, dass die Geschichte von Cäsar 2.0 bereits geschrieben wird, wenn wir die Zeichen der Zeit, wie den schwindenden sozialen Zusammenhalt und die Erosion der Volkssouveränität, weiterhin ignorieren und den moralischen Sumpf der Gleichgültigkeit nicht trockenlegen. Wir danken Gerd Dönni sehr herzlich für das packende, aktuelle und bestens präsentierte Referat, das der überaus zahlreichen Zuhörerschaft bestens in Erinnerung bleiben wird.

































